Prof. Dieter Volkmann, Pflanzenphysiologe
Rollende KinderUni
© Fotos: Katja Tauber
Der Mülheimer Norden wird Universitäts-Stadt
Bildung ist wie der Zugang zu sauberem Wasser oder guter medizinischer Behandlung ein Menschenrecht, ein Recht auf Zukunft und gutes Leben. Seit Jahrzehnten mahnen internationale Beobachter und Organisationen an, dass Deutschland in punkto Bildungsgerechtigkeit viel zu wenig tut, gerade in benachteiligten Vierteln wie hier in Mülheim-Nord. Deutschland, ein mit Reichtum gesegnetes Land, gehört dabei zu den Schlusslichtern in Europa. Jetzt in der Krise fällt dieser Jahrzehnte alte Missstand plötzlich der Nation auf die Füße.
Wir sind primitiv.
Primitiv heißt einfach, unkompliziert. Wir agieren als Nachbarn. Auf Augenhöhe. Unsere Initiative „Erste Mülheimer KinderUni“ hat kaum mehr als eine bescheidene symbolische Bedeutung. Aber jetzt heißt es, Zeichen zu setzen, was Bildung qualitativ heißen könnte, Bildung, die zu den Bedürfnissen unserer Nachbarschaft passt und Teilhabe ermöglicht. Seit Wochen jagt ein Krisengipfel mit der Auto- oder Luftfahrtindustrie den andern. Auf einen politischen Gipfel für die Kinder, die unsere Zukunft sein sollen, wartete man bisher vergebens. Die Datenkonzerne sehen jetzt ihre große Chance gekommen, Schule zu deregulieren und die Kinder mit elektronischer Bildung auf dem Tablett („e-learning“) auszurüsten. Das wird, kritisieren Bildungs- und Kindheitsforscher, bei weitem nicht reichen. Die Frage von Gerechtigkeit und Wertschätzung lässt sich nicht auf technische Hilfsmittel reduzieren.
Wir sind radikal.
Radikal heißt, wir denken von der Wurzel her. Mülheims Norden wird Universitäts-Stadt. Wir öffnen das Universum der Bildung von unten her. In der Corona-Bildungskrise war es gut, direkt zu den Kindern ins Veedel zu gehen. Aus der Kindheitsforschung weiß man, wie wild Kinder aus Problemvierteln auf KinderUnis sind. Wir suchten die Kids auf: an Straßenecken, auf kleinen Plätzen oder in Hinterhöfen. Wir tan dies mit Vorsicht, Verstand und Abstand. Wir organisierten die Erste Mülheimer KinderUni mobil. Wir brachten Bildung vor die Haustüre, um daran zu erinnern, welch große Bring-Schuld die Gesellschaft der nächsten Generation gegenüber hat. Wir boten Bildung mit Bollerwagen, Bildschirm, Blickkontakt und Begeisterung.
Wir sind (hoffentlich) intelligent.
Wir wollen Kinder mit einem ungewöhnlichen und anspruchsvollen Programm staunen machen. Der Pflanzenphysiologe Professor Dieter Volkmann (Bonn) machte den Auftakt in der Mülheimer KinderUni. Eigens hat er für uns ein Programm gestaltet. Unter normalen Umständen wäre er persönlich nach Mülheim zum Vortrag in den Kinosaal der Internationalen Filmschule (Schanzenviertel) gekommen. Aber eine Veranstaltung dieser Größenordnung ist derzeit nicht möglich. Nun hat Volkmann seine Lehrveranstaltung und seine Experimente zusammen mit Kindern eigens als Film aufgenommen. Ihn wird die rollende KinderUni zeigen. Im Rahmenprogramm werden wir Geschichten erzählen und suchen erstmals mit den Veedel-Kindern ins Gespräch zu kommen. Der Aufbau eines persönlichen Zugangs und die Perspektive der Kids standen für uns über die KinderUni hinaus in den nächsten Monaten im Mittelpunkt. Wir lernten von uns gegenseitig.
Die Veedel-Kinder lassen sich nicht klein kriegen.
Wir denken weiter und bleiben zusammen. Die KinderUni ist nur ein erster Baustein einer viel umfassenderen Idee und mehrerer Aktionen. Ihr Ziel ist das große Sonnenblumenprojekt in der Schützenhofstraße. Wie viele andere Straßen im Viertel ist sie ein trauriges Pflaster. Von oben bis unten ist sie verstellt mit Autos. Dabei sollte die Schützenhofstraße eine Spiel- und Nachbarschaftsstraße sein. Nach den Ferien, am Sonntag, den 13. September, gehörte die Straße den Kindern. Für einen Tag wurde wir sie in ein Meer aus 1000 Sonnenblumen verwandelt. Sonnenblumen verheißen weltweit Aufbruch und Gemeinschaft. Die Aktion sollte eine Ahnung davon geben, wie unser Stadtteil in Zukunft aussehen könnte. Sie sollte erfahrbar machen, dass man Lebensräume und Lebensbedingungen gemeinsam gestalten und zum Besten aller verändern kann.
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